Meine lieben Freunde.
Ich werde etwas einlösen, was ich vor langer Zeit versprach.
Ich hatte den "Jonas Kolsch" fortführen wollen, doch irgendwie...nun ja.
Nun lassen wir den "Kolsch" Kolsch sein und haken ihn meinetwegen als extrem beschissenen Kurztext ab, um uns neueren Gedanken zuzuwenden. Ein Text, der fortgeführt werden wird, da er mir am Herzen liegt. Ein Text eben.
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Selbst das beste Rätsel definiert sich über die Frage. Über die anfängliche Bewunderung eines Problems, über die Konstruktion des scheinbar Unzugänglichen. Der Anfang eines Witzes ist es, was uns schmunzeln lässt, der Aufbau eines Spannungsbogens, nicht die Pointe, die naturgemäß alles einreißt und beendet. Ein Schüler, der seinen Finger in die Höhe reckt, wird niemals Befriedigung erfahren können, wenn nicht vorher eine Frage formuliert wurde. Eine Antwort ist NICHTS ohne die dazugehörige Frage. Eine Frage allein hingegen kann ALLES sein, die Welt bedeuten. Und in meinem Fall ist sie die Welt selbst. Frage und Antwort mögen den Anschein kausaler Zusammengehörigkeit erwecken und doch sind sie enger verschmolzen als diese Ahnung von Chronologie erweckenden Begriffe uns glauben machen wollen.
Meine Geschichte ist mit einiger Berechtigung als verrückt zu bezeichnen – und es werden nicht wenige sein, die diesen Umstand schamlos und ohne zu fragen ausnutzen werden – doch ist sie es nicht in dem Sinne, dass mein Geisteszustand damit getroffen wäre; vielmehr verschwimmen in ihr die Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung, zwischen Frage und Antwort derart, dass selbst ich nicht mehr weiß, ob ich vielleicht selbst diese Ansichten nur aufgrund des Erlebten konstruiert habe und danach trachte ,meine eigene Integrität, die ich nicht zu jedem Zeitpunkt zu wahren fähig war, mit diesen erregten und erregenden Theorien wiederherzustellen.
Kein Gott wurde je erschaffen, ohne dass es vorher einem Menschen nach Wissen gedürstet hätte, welches ihm auch nach längerer Suche verwehrt geblieben war. All unsere Vorstellungen und Wünsche, jede ausgesprochene und unausgesprochene Hoffnung, jeder Hass und jede Verzweiflung, die je einen Menschen bewegten sind Erzeugnisse einer zutiefst humanen Regung. Des Strebens nach dem Wissen um eine Frage, die all das rechtfertigt. Die Suche nach dem Problem, das es zu lösen gilt ist was uns umtreibt.
Ja, ich habe zu verantworten, dass ein Mensch starb.
Er musste leiden, bevor er starb.
Und wenn ich die Frage, ob dieses Leiden, das ich mit eigenen Augen sah und sehen wollte, für das ich und meine Handlungen der Grund waren, durch den Grad meiner dadurch erlangten Satisfaktion gerechtfertigt war vor meiner Tat zu beantworten gehabt hätte, dann hätte ich das Messer womöglich nicht in die Hand genommen. Um ehrlich zu sein: Ich fühlte mich elend, als das letzte Röcheln verstummt war, und ich war darüber ehrlich verwundert.
Dies ist nicht die Geschichte eines Mörders. Dies ist nicht die Geschichte eines Mannes, der für sich beansprucht, Generalitäten zu erläutern, die ständig gegenwärtig sind und jedes Mannes Hand zu führen bereit. Nein, dies ist meine Geschichte und ich bin ein Mörder.
Ich möchte diese Geschichte nicht erzählen, um Sympathie für mich oder mein Handeln zu wecken und nicht, um mich und meine Seele zu läutern, sondern aus einem menschlicheren Grund: Ich verstehe sie nicht.
Ich möchte mich kurz fassen in meinen Ausführungen, denn ich glaube nicht, dass es noch lange dauern wird, bis die Folgen der Lungenentzündung, die mich bereits seit zwei Wochen plagt meine Beichte, wenn man so will, jäh unterbrechen werden.
Dieses kleine Haus am Rande einer größeren Stadt, das ich und meine Frau zwanzig Jahre lang bewohnt haben und –irgendwie- auch immer noch bewohnen, wird der Ort sein, an dem ich sterbe. Sie wird mir dabei aus leblosen Augen zusehen, denn ich habe weder Kraft noch Willen genug, ihre sterblichen Überreste aus diesem Zimmer fortzuschaffen. Sie lehnen unnatürlich verdreht an der Wand, dort wo einst ein kunstvoll gearbeiteter Sekretär aus Kirschholz stand, bevor ich mich gezwungen sah, ihn zu verkaufen, und da die Wand, an der meine Frau vor drei Tagen starb, dem einzigen Fenster dieses Zimmers gegenüber liegt, wirkt sie seltsam eingerahmt von den Konturen, die das alte Möbelstück über die Jahre auf der Raufasertapete hinterlassen hat. Eine absurde Apotheose.
Schon gestern bemerkte ich, dass es zu Gerüchen kommt, doch bin ich nicht sicher, ob es ihr zu faulen beginnendes Fleisch ist, das ich wahrnehme oder ob es die geronnenen Flecken ausgehusteten Blutes sind, die mittlerweile meine gesamte Bettstatt überziehen.
Es ist wie es ist, mein Gott.
Meine Geschichte beginnt unspektakulär, so wie es alle spektakulären Geschichten zu tun pflegen. Ein Herbsttag, nicht mehr. Obwohl: Ein Hauch von Fernweh vielleicht. Eine Ahnung von dem, was ich hätte sein können und ein Gedanke. Der Gedanke, dass es Herbst ist. Ja, wenn mich nicht Alles täuscht, begann alles mit dem Gedanken: Nun ist es Herbst.






