In manchen Gegenden Deutschlands ballen sich die gesellschaftlichen Probleme - es herrschen Abstiegsängste, Orientierungslosigkeit und Fremdenfeindlichkeit. Ein Forschungsbericht von von Wilhelm Heitmeyer:

Unsere diesjährige Analyse der feindseligen Mentalitäten gegenüber schwachen Gruppen, wie wir sie in unserem jährlichen Bericht über »Deutsche Zustände« beschreiben, zeigt drei auffällige Entwicklungslinien: Das Ausmaß an Fremdenfeindlichkeit mit deutlicher Zustimmung dazu, dass es zu viele Ausländer im Lande gebe und sie nach Hause geschickt werden sollten, wenn die Arbeitsplätze knapp würden, nahm in den letzten Jahren kontinuierlich zu. Dies gilt auch für die subtile Abwehr jener Gruppen, gegenüber denen Etabliertenvorrechte reklamiert werden.

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Nun zeigen unsere Analysen, dass sich das Ausmaß bei verschiedenen Elementen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit deutlich zwischen Land und Stadt unterscheidet. Die höchsten Zustimmungen zu feindeligen Äußerungen finden wir in dörflichen Gemeinden und Kleinstädten Ostdeutschlands. Besorgniserregend ist das deshalb, weil in Ostdeutschland eine ländlich-kleinstädtische Siedlungsstruktur dominiert. Hinzu kommt, dass mit der Abwanderung von gut ausgebildeten jungen Menschen ein systematischer Selektionseffekt entsteht. Das lässt erwarten, dass sich das Verhalten derjenigen, die bleiben, noch weiter homogenisiert. In den abwanderungsstarken Kommunen und Regionen gibt es einen niedrigeren Bildungsgrad, eine höhere Angst vor Arbeitslosigkeit, ein größeres Gefühl politischer Machtlosigkeit und stärkere mangelnde soziale Unterstützung als in abwanderungsschwachen Regionen.

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Empirisch können wir zeigen: Desintegrationsprozesse gehen mit wachsender Orientierungslosigkeit einher. Es ist also keine Überraschung, dass in Zeiten wie diesen solche Kampagnen angefacht werden. Sie dienen als eine Art Ersatzanker in stürmischen sozialen Gewässern. In der Tat zeigen die Ergebnisse unserer Analyse, dass für Menschen, die sich orientierungslos fühlen und darunter leiden, der Stolz, Deutscher zu sein, eine wichtige Stabilisierungsfunktion zu haben scheint. Aber: Je größer der Nationalstolz bei den Befragten ist, desto weniger wichtig sind ihnen demokratische Errungenschaften.

Es ist daher riskant, soziale Desintegration mit Nationalstolz kompensieren zu wollen. Dies hat sich auch bei der Fußballweltmeisterschaft gezeigt. Der »neue« Nationalstolz in Schwarz-Rot-Gold wurde allgemein begrüßt. Die Auswertung der Daten unserer Längsschnittstudie von 2002 und 2006 zeigt jedoch, dass Nationalstolz einen signifikanten Einfluss auf fremdenfeindliche Einstellungen hat: Je höher die Identifikation mit Deutschland und je größer der Stolz auf die eigene Gruppe, desto stärker werden Fremdgruppen abgewertet. Dies ist zusätzlich problematisch, weil sich empirisch zeigt, dass die Integrationsbereitschaft der Mehrheit gegenüber Minderheiten und insbesondere gegenüber Muslimen abnimmt.


Link zu dem kompletten Bericht
Zeit.de