Es grüßt der Nasenmann und präsentiert an dieser Stelle einen Text aus dem Jahre 2003. Für alle, die ihn noch nicht kennen oder die, die ihn noch einmal lesen möchten.

 Der Letzte Tag des Franz Josef Brack            1          Erwachen               Er erwachte früh, zumindest früher als sonst.Lassen Sie mich diesen Zusatz doppelt unterstreichen, denn wirklich als früh hätte außer ihm selbst niemand den Zeitpunkt seines Austretens aus jenem unruhigen Traum bezeichnet. Der Konjunktiv an dieser Stelle ist unabdingbar, denn niemand sollte jemals erfahren, wann genau seine Erhebung begann: Wirklich niemand wurde während der letzten 13 Stunden seines Lebens seiner ansichtig und dass dies kein Zufall sein konnte wurde für ihn erst zur Wahrheit, als schon alles zu spät war.Der Traum, an den er sich nur noch fragmentarisch erinnerte, handelte von einem Vogel, einem Adler, wie er trotz seiner mangelhaften ornithologischen Kenntnisse zu erkennen in der Lage war: Von oben herab beobachtete sein imaginäres Auge die majestätische Anmut des Tieres, mit der es über schier endlos scheinende Meere von Baumwipfeln glitt. Keine Anstrengung war in den Bewegungen des Raubtieres zu erkennen, kein Zucken, keine Hast, und nach einiger Zeit war es, als bewegte er sich überhaupt nicht und hätte sich nie bewegt; nur der Hintergrund schien noch unter ihm in unbestimmte Richtungen verschoben zu werden. Der Zeitpunkt des Erwachens jedoch war von Entsetzen, gar von Entrüstung durchsetzt. Jenes Gefühl von Haltlosigkeit, als erscheine vor einem eine teuflische Grimasse, die mit erbarmungsloser Wucht alles Lebende auslacht, woraufhin der Boden aufreißt und alles aufhört zu sein, krallte sich um sein Gemüt und ließ ihn aufschrecken: Die Gravität des Adlers, sein unbeirrtes Gleiten wurden jäh beendet. Die Flügel zersprangen, Knochen splitterten und innerhalb eines beobachtenden Blickes war alles, was vorher so bewundernswert und unzerstörbar schien, nur noch eine grau-rote Wolke, die rasch auseinanderstob und vom Wind verwischt wurde. Der Traum fokussierte nun die Bäume, denn außer ihnen war nicht mehr. Doch diesem Anblick war nichts in ihm gewachsen; kein Gefühl, kein Gedanke, keine Erinnerung war jemals so kraftvoll gewesen, wie der Blitz, der nun seinen schlafenden Kopf traf und alles, was nicht wirklich war, zerspringen ließ.Wie nun schon seit etwa zwölf Jahren üblich, erwachte er allein in dem schwedischen Bett, das er früher mit seiner Frau zu teilen geliebt hatte. Sie war nicht mehr da, denn das Schicksal hatte ihm und ihr einen bösen Witz erzählt, dessen Pointe eine massive Eiche am Straßenrand gewesen war. Niemand, wirklich niemand hatte damals gelacht, und gut und richtig war es so gewesen, denn nur nach einem gelungenen Scherz nicht sofort loszulachen wahrt einem die Möglichkeit, ihn eines Tages zu verstehen. Fernab jeglicher Rationalität begann er laut loszuprusten, nachdem er sich Hilfe suchend und Trost erflehend auf das einst von ihr genutzte Bettzeug, das noch immer neben ihm lag und bisweilen gar neu bezogen wurde, geworfen hatte und nach einigen Momenten die fehlende Wärme verstand. Die Idee, wie dieser Frühlingstag am besten zu verbringen war, kam ihm, als er seine zweite Flasche Jever geleert hatte: Ein Spaziergang durch den angrenzenden Wald, der jetzt schon seit dem Tod seiner Frau geflissentlich von ihm ignoriert worden war, sollte ihm nun die Erlösung verschaffen, die ihm direkt nach dem Erwachen verwehrt geblieben war. Zügig, von einer unglaublichen und unbeschreiblichen Neugier getrieben, zog er sich an, packte die vier verbleibenden Flaschen seines Jever-Sixpacks in den kleinen grauen Rucksack, den seine Frau vor ihren gemeinsamen, ausgedehnten Spaziergängen mit allerlei Leckereien zu füllen gepflegt hatte, und noch ehe es zehn Uhr war, trat er aus der hinteren Haustür. Er hatte noch elf Stunden zu leben.                                                     2          Franz Josef Brack                 Die Lebensgeschichte des Mannes, von dem hier die Rede ist, ist schnell erzählt. Man bräuchte vermutlich nicht einmal 13 Stunden, um sie seinen Enkeln vor einem knisternden Kaminfeuer zu erzählen, während man hin und wieder genüsslich seine Pfeife stopft und nicht müde wird, vor den Kindern zu betonen, daß sie sich das nur anhören müssen, wenn sie auch wirklich Lust darauf verspüren, und dass man ja wußte, dass ihnen diese indirekte Frage nur ein gefälliges Nicken entlocken würde. So oder zumindest ähnlich hätte es Franz Josef Brack, oder Dr. Brack, wie er seit unendlich lang scheinender Zeit gerufen wurde, getan, wenn er je in die Verlegenheit gekommen wäre, sich von irgendeiner entfernten, verschrobenen Verwandten zu so etwas nötigen zu lassen. „Außerdem hab ich doch auch gar keine Kinder! brüllt es mich aus dem ersten Kapitel an. „Was meinst denn DU warum ich saufe wie sonst was? Ich hab halt keine Verwandten, die ich nerven kann!“ Zur Not, Herr Dr. Brack, so war doch ihr Name, kann ich die Enkelkinder auch durch Nachbarsjungen ersetzten, fast noch abgegriffener, finden sie nicht? Und sollten sie die Frechheit besitzen, mir jetzt zu erzählen, daß sie keine Nachbarschaft haben und allein an dem Wald wohnen oder mich überhaupt noch einmal mit einer solchen Lappalie von meiner Arbeit abhalten, dann streiche ich sie einfach aus der Geschichte und die vier Jever-Flaschen ziehen als Robin Hood-Verschnitt  allein durch den Wald. Das merkt doch auch verdammt noch mal niemand, der das hier liest, genauso wenig wie die Sache mit den Enkelkindern und den Nachbarn. So, Du hältst jetzt also den Mund, lässt mich deinen Lebenslauf so erzählen, wie ich das für richtig halten, und dann stirbst du irgendwann.Ungefähr 13 Stunden sollte man also für eingangs erwähntes Vorhaben veranschlagen, will man sich nicht dem berechtigten Vorwurf, man habe wichtige Details ausgelassen, aussetzten. Eine mir fremde Intention, denn zweifelsohne bin ich der einzige, der die Details kennt, entziehe mich erwähntem Vorwurf also ohnehin. Im Übrigen liegt mir an der Mitwisserschaft meiner Leser bezüglich der der Biographie meines Protagonisten ungefähr so viel wie an einem Dritten Weltkrieg, denn 1.) hat die Biographie des Dr. Brack keinen nennenswerten Effekt auf den Fortgang der Handlung, und 2.) vergessen sie doch so oder so alles, was ich ihnen jetzt an Daten, Anekdoten oder gar Charakterisierungen vor die nach Sex, Gewalt und Drogen lechzenden Mäuler werfen könnte. Ich begnüge mich mit dem kurzen Hinweis darauf, dass Herr Dr. Brack niemals promoviert hat, sondern sich aufgrund seiner gravitätischen Erscheinung, die fälschlicherweise obendrein eine versteckte Intellektualität vermuten ließ, immerzu anhören musste, dass er aussehe wie ein Professor. Nachdem die meisten auf die von Franz Josef als abstoßend empfundene Idee gekommen waren, ihn doch einfach Professor Brack zu nennen, gab es die ersten Verwechselungen, denn einen Professor Brack, einen „echten“, der habilitiert hatte und in Fachkreisen ein bekannter und geachteter Autor war („Die Angst des Anästhesisten vor der Narkose“, 1971; „Darmtransplantation leichtgemacht“ (zusammen mit Professor Kurz), 1975; u.a.), den gab es schon. Und Franz Josef kannte einige Leute, die auch mit Professor Brack bekannt waren, wollte es so dann doch nicht haben und hielt seine Freunde und Bekannten dazu an, ihn doch einfach Dr. Brack zu nennen. Es funktionierte. Die Frau hieß Irmgard.Wirklich bemerkenswert ist noch ein Satz, den Dr. Brack eines Abends vor nicht allzu langer Zeit zwischen seinen Lippen hervorpresste, nachdem er an seiner Zigarette gezogen hatte:„Nichts ist so, wie es scheint, Prost!“ Die eigentliche Pointe dieses Einschubs findet sich in dem schluderig nachgeworfenen Zusatz, dass Franz Josef zu jenem Zeitpunkt nackt war und vor dem Spiegel stand. Im Grunde genommen, sollte man sich nun aus den gegebenen Informationen ein recht stimmiges Bild zusammenschustern können, und wer dazu nicht in der Lage ist, der erinnert sich einfach an die letzten TV-Dramen, die er gesehen hat, schneidet ein paar von den Charakterschablonen aus und probiert ein wenig durch. Irgendeine verkommene Randfigur wird schon dabei sein, da bin ich sicher.                                                            3          Aufbruch            Nach dem vorangegangenen Kapitel, das als vulgäres Prosageschwurbel zu bezeichnen nicht vermessen ist und das trotz gegenteiliger Intention über Gebühr angewachsen ist, wenden wir unseren Blick nun also wieder den Ereignissen jenes sonnigen Frühlingstages zu, an dem Franz Josef Bracks Leben ein unerwartetes Ende bereitet werden soll. Nach einer kurzen Versicherung, ob die Haustür auch wirklich in das Schloß gefallen war, drehte er sich, seinen Blick nun ohne Zweifel nach vorn gerichtet, zu dem verrosteten Gartentor, das zusammen mit der ungepflegten Hecke die rückwärtige Grenze des Grundstückes bildete. Dass sich die Anstrengung des Rasenmähens so bald auszahlen würde, hatte er nicht gedacht, doch jetzt, da ihm der süßliche Duft der Gräser gepaart mit einer milden Schwere des hohen Luftdruckes die Sinne erfreute, war er glücklich darüber, sich am vorigen Tag dazu bequemt zu haben, ein wenig im Garten zu arbeiten. Nötig war es nicht gewesen, sich solcher Mühsal auszusetzen, denn der Garten war nicht nur nicht einsehbar, sondern gründete zudem seine Schönheit ohnehin auf einer Vernachlässigung der Gartenarbeit, die ihm über die Jahre eine wilde Majestät verliehen hatte. Die ersten Schritte über den gepflasterten Weg, der mit Moos überzogen war und in gerader Linie den Rasen in zwei etwa gleich große Flächen teilte, gingen langsam vonstatten. Das Bier, der verdammte Alkohol, dachte Franz Josef, sich der Geschwindigkeit seiner Bewegung wohl bewusst. Jedoch nicht der Alkohol hielt ihn auf seinem Weg, seinem letzten Weg durch den Garten zurück; vielmehr waren es Erinnerungen, die sich wie aufgescheucht im Unterbewusstsein umeinander drehten und an die Oberfläche zu gelangen suchten. Erinnerungen von glanzvoller Schönheit, Worte, die es längst nicht mehr gab und das Wissen um eine andere, längst verstorbene Welt krallten sich um ihn und hörten nicht auf, seine Schritte zurückzuhalten, seinen Willen zu umnebeln, bis er mit zittriger Hand das Tor geöffnet hatte und hindurchgeeilt war. Schnitt. „Hast du den Tee dabei?“ „Natürlich, wieso sollte ich DEN denn vergessen?“ „Ich weiß, ich weiß. Bist du glücklich, Irmgard?“ „Franz Josef, du bist ein Schelm.“ Schnitt. Der Ort, an dem diese Worte gesprochen worden waren, hatte bei Ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen; es war, da war er sich sicher, der Ort, an dem er den glücklichsten Moment seines Lebens genossen hatte, während der Tee ihm die Kehle hinuntergeronnen war. Dieser Ort war etwas Besonderes und ohne Zweifel kraftvoll genug, um Franz Josef in seiner Erinnerung häufig genug das Gefühl gegeben zu haben, sich einzig und allein über den abgelegenen, von vielen längst vergessenen Spielplatz, auf dem er einst seinen Tee zu trinken pflegte, definieren zu können. Er hatte das Grundstück schon einige hundert Meter mit schnellen Schritten hinter sich gelassen, als jene Erinnerung vom Glück sich wieder sacht seiner bemächtigte und ihm ein herrschaftliches Lächeln in das gegerbte Gesicht zauberte. Wohin sonst sollte mich mein Weg führen wenn nicht zu diesem Spielplatz? Den Weg dorthin werde ich schon noch finden, auch wenn es natürlich schon lange her ist, daß ich ihn das letzte Mal ging, strömte es durch Dr. Bracks Gehirnwindungen und ließ ihn mit einer beherrschenden Handbewegung ein Jever aus dem Rucksack fischen, das er in flüssiger Bewegung zu öffnen verstand. Es dauerte nur wenige Minuten, bis er den Eingang des Waldes erreicht hatte – Gott, was hatte er immer lachen müssen, wenn Irmgard von dem „Waldeingang“ gesprochen hatte-. Das Jever war noch nicht zur Hälfte geleert, als die Zweifel zu wachsen begannen: Stehend, erstarrt, fixierend blickte er auf die mächtigen Baumreihen, die den Weg, seinen Weg, umstanden und sich in nicht abzuschätzender Entfernung in warmem Nichts verloren. Vogelgezwitscher lag in der Luft, die Franz Josef jetzt beherzt und verheißungsvoll tief einsog, um sie dann mit einem übertrieben lauten und pointierten Ausatmen wieder auf den Weg in den Wald zu schicken. Schnitt. „Hast du manchmal das Gefühl, es würde alles anders werden? So, als ob jemand langsam am Rädchen dreht, man das zwar nicht sehen kann, aber doch die Gewissheit hat, DASS es da ein Rädchen gibt und DASS da jemand dran dreht? Verstehst du, ich will nicht zynisch werden, aber manchmal, Franz Josef, da passieren Dinge, einfach so, aber es passt eben alles zusammen.“„Ja, ich glaube, dass ich sehr wohl verstehe, was du meinst, aber dieses Gefühl ist mir fremd.“ Schnitt. Weil er sich dieser Konversation nicht erinnerte, war sein Entschluss noch wahrer, noch gewaltiger, als er es sonst hätte sein können. Das Rädchen, das war er, und das, was am Rädchen drehte, war nichts anderes als die Illusion einer Ahnung seines Potentials. Den Rest des Jevers kippte er sich mit einer raschen aber hastfreien Bewegung in den Schlund, bevor er festen Schrittes losstapfte; er wollte seine Hände frei wissen, als ES losging.Die Größe des Waldes genau abzuschätzen, hatte sich Dr. Brack nie angemaßt. Man konnte einen halben Tag zügig in gerader Linie in ihn hineingehen, ohne das Gefühl zu haben, wieder hinauszugehen, und man konnte sich vor allem nicht ausmalen, was passieren würde, verließe man die angestammten Wege und verliefe sich. Niemals hatte sich jemand so etwas ausgemalt, und niemals war es passiert. Dass diese Dinge in gewisser Kausalität zueinander stehen, ist an dieser Stelle nur die vernachlässigbare Meinung des Autors. Schnitt. „Ich liebe dich, Franz Josef.“ „Ich liebe dich auch.“ Schnitt.Sein Wunsch, den Spielplatz zu erreichen, wurde mit jedem Flecken Sand, den er zurückließ, mit jedem Atemzug, den er tat, mit jedem Vogel, den er sah, größer und bald, nach nicht einmal zwei zurückgelegten Kilometern, war er unanfechtbar; er war wahr. Trotz seines heftig zerrenden, treibenden Inneres musste er sich setzen, um eine Pause einzulegen, denn die Jahre und der Alkohol hatten aus dem einst vitalen jungen Mann etwas gemacht, das man zumindest physisch ohne Zweifel als Wrack bezeichnen musste. Er hatte den Baumstumpf, auf dem er nun saß, ungefähr eine Minute lang vorher fixiert, und sich ausgemalt, wie erlösend es sein würde, die Beine ein wenig zu entspannen, aber jetzt, nachdem er sich mit altbekannter Geste auf ihn niedergelassen hatte und mit dem Gedanken spielte, noch ein Bier zu trinken, war es ihm, als könne er nicht länger verweilen; eine geheimnisvolle Neugier hatte sich seiner bemächtigt und trieb ihn, seine Pause nicht länger als unbedingt nötig zu gestalten. Der Puls hatte sich beruhigt, und auch das Atmen fiel wieder leichter, man hatte aufzubrechen- und noch zehn Stunden zu leben.                                                               4          Fall                   Tage ziehen mühsam vorbei, wenn man sie zählt. Und noch bevor man realisiert hat, dass diese Tage Stunden und Minuten haben, die sogar die Angewohnheit haben, rasend schnell zu verfliegen, ist es zu spät: Das Rad hat sich beschleunigt und man kann froh sein, wenn einem noch ein letzter Atemzug gewährt wird. Dr. Brack ist im Wald, der Rest ist nichts als Geschichte. Man lässt los und lässt loslassen; man sträubt sich nicht mehr gegen das, was man geahnt hatte.Weitere zwei Kilometer legte Franz Josef ohne noch einmal über eine längere Rast nachzudenken zurück, bevor er fiel. Während der letzten halben Stunde, die seinen Weg in ungerader Linie an Eichen, Buchen und Brombeersträuchern vorbeigeleitet hatte, hatte sich Franz Josef dazu durchgerungen, noch ein Bier zu trinken, und da vier Flaschen Bier auch für Dr.Brack zu dieser Tageszeit eine nicht zu unterschätzende Menge darstellten, umfing ein dumpfer Schleier seinen Geist, ließ seine Augen schrumpfen und bestärkte seinen Willen, den Spielplatz noch vor ein Uhr zu erreichen. Angetrunken und entspannt wollte Franz Josef gerade weitermarschieren, nachdem er sich gebückt hatte und seine Schuhe enger geschnürt hatte, als es geschah: Da die Bäume eng standen, war nur ein begrenzter Blick auf den Himmel möglich, der jetzt grell erleuchtet war. Die Sonne würde ihre Reise bald beschleunigen und ihre ganze Kraft entfalten.Man konnte ihn erst nicht erkennen, die Bäume hatten ihn verdeckt, aber als er über Franz Josef aus seiner Deckung vor den Himmel trat, hatte dieser sich schon aufgerichtet und blickte nach oben, die Fluchtgeräusche eines Eichhörnchens hatten seine Aufmerksamkeit erregt. Wie Skalpelle schnitten die Schwingen des Adlers die Luft über Franz Josef in Stücke, lautlos und stilvoll. Der gebrochene Mann, der am Boden stand und nach oben blickte hatte sich übernommen. Sein Kreislauf wollte diese schnelle Bewegung des Aufrichtens nicht dulden, genauso wenig, wie der Alkohol die Hitze ertragen ließ. Schnitt. „Ich war gestern bei meiner Schwester, weißt du, die Inge. Und die hat mir erzählt, dass sie ernsthaft daran glaubt, man könne als Tier wiedergeboren werden, putzich, nich war?“ „Ich halte nichts von so etwas.“ Schnitt. Der Fall war unspektakulär und trocken, aber das reichte. Franz Josef wurde schwindelig, der Boden unter seinen Füßen gab nach und der Kopf traf wie von Geisterhand geführt einen der drei Steine, die in der unmittelbaren Nähe lagen. Kein Schmerz, Kein Wissen, Kein Gedanke, nur der Spielplatz…der Spielplatz…Stille.                                                                                                5          Entscheidung              Für einen Menschen, der sein Leben führen will, gilt es, drei Fragen zu beantworten. Wer bin ich? Was will ich? und die wichtigste und schwierigste: Wo stehe ich?Franz Josef erwachte am späten Nachmittag, als die Sonne bereits wieder tief stand und man das Gefühl haben konnte, der Wald bereite sich auf die anstehende Nachtruhe vor. Es war sechs Uhr abends und Dr. Brack lag im Wald. Trotz der unsäglichen Kopfschmerzen, die ihn quälten, - aber immerhin bekannt waren – richtete er sich auf und legte seinen Kopf auf die angezogenen Knie, die jetzt nicht besonders kräftig zu sein schienen. Ich muss weiter…ich muss…fieberte es in seinem Kopf hin und her. Die Sonne und der hohe Wasserverlust, der mit ihrer Wärme verbunden war, setzten ihm ganz schön zu. Er wusste, dass er wenn er wirklich alles daran setzen sollte, zu dem Spielplatz zu gelangen, seinen alten Körper dorthin zu schleppen, dann sollte es schon an ein Wunder grenzen, wenn er aus eigener Kraft wieder nach Hause käme.An dieser Stelle möchte ich darauf verweisen, dass die mir angeratene Formulierung, er gehe TROTZ dieses Wissens weiter nicht gefällt, und ich lieber unterstreichen möchte, dass er WEGEN seines Wissens weiterging. Er stand mit behäbigen Bewegungen auf, befühlte die kleine Platzwunde an seinem Hinterkopf, die nicht allzu schlimme Schmerzen hervorrief und bereits leicht verkrustet war, überprüfte abwesend, ob seine Ausrüstung, das Jever, noch unversehrt war und setzte seinen Weg in den dunkler werdenden Wald mit einer wankenden Anmut der Ausweglosigkeit fort. Schnitt. „Der Tod macht mir keine Sorge, Franz Josef. Ich bin viel zu einfach gestrickt, um ins Grübeln zu kommen.“ Schnitt.Weitere drei Kilometer waren noch zurückzulegen, bevor die Erlösung vollbracht sein würde, Dr. Brack verstand, was es für ihn bedeutete, diesen Weg zurückzulegen. Allein und ohne dass jemand darum wusste. Körperlich hatte er den Sturz und die darauf folgende geistige Umnachtung für sein Alter gut verkraftet, aber in ihm war es, als wäre etwas verschoben worden; gerade so, als hätte man ganze Bereiche der Empfindung und Rationalität einfach ausgeblendet. Erinnerungen flossen aus seinem Verstand und bildeten in seinem Blick einen grauen Schleier des Vergessens. Die letzten fünfhundert Meter des Waldweges, die vor der Biegung, vor der letzten Biegung, lagen, legte Dr. Brack auf allen Vieren zurück. Als es soweit gewesen war, dass er einsehen musste, wie nah der Moment, den er herbeigesehnt hatte -schon so lange-, war, war es in ihm zusammengebrochen. All die körperliche Stärke und Kraft, die er jemals besessen hatte, beugte sich in jenem Moment der Gewaltigkeit eines Willens, den zu unterbinden oder abzulenken das Ende von allem bedeuten könnte.Ein wahrhaft großer Moment soll es sein, sagte Franz Josef leise. Eine Ahnung von dem, was ich hätte sein können und sein werde, ein süßlicher Hauch des Verderbens, ein warmer Regen der Endlichkeit, wahrhaft groß.Die letzte Stunde war gekommen.                                                                                                                        6          Tod                Die weit verbreitete Missachtung des Selbstmordes beruht meines Erachtens auf einer generell falschen Prämisse das Leben selbst betreffend. Wenn ein Mensch stirbt, so ist dies ein Trauerfall. Stirbt ein Mensch aus freien Stücken, so ist dies schlecht, denn ein Mensch hat Freude am Leben zu haben, er hat sich zu amüsieren auf Erden und kann er dies nicht, so ist er hilfsbedürftig oder gar krank. Doch wer ließ einst verlautbaren, das Leben sei prinzipiell gut? Ich maße mir nicht an, zu behaupten, dass erwähnte Prämisse inhaltlich wirklich falsch ist, doch sollte sie keine Prämisse sein, die allein zu hinterfragen schändlich ist.Franz Josef saß im Schneidersitz auf einem moosbewachsenen Rasenstück direkt vor einem Spielgerät, das aus einer runden Scheibe bestand, die über eine Achse in der Mitte rotieren konnte. Eine massive Scheibe aus Holz, etwa 15 cm in der Dicke. Er schaute paralysiert auf die Scheibe, trank seine restlichen Jever und wusste, was zu tun war:Die letzte Flasche zerschlug er auf einem Stein, der neben ihm lag, und suchte eine möglichst scharfe Scherbe aus dem Haufen, zu klein sollte sie auch nicht sein. Die Glasscherbe nahm er in seine zittrige Hand und manövrierte sie so in die Seite der massiven Holzplatte, dass sie bei schneller Drehung der Platte eine ungeheure Zerstörungsgewalt ausstrahlte. Mit äußerster Anstrengung gelang es Dr. Brack, die Verrostung der Achse wieder zu lösen und die Scheibe auf beträchtliche Geschwindigkeit zu bringen. Es war kurz vor neun und die Sonne  verströmte nur noch spärliches Licht. Franz Josef kniete vor der rotierenden Scheibe und sah die Scherbe ab und zu an ihm vorbeirasen. Innerhalb eines Augenblickes wurde aus der Wahrheit Realität. Dr. Brack zögerte nicht länger und warf sich, mit seinem Hals voran von der Seite gegen die Scheibe. Kurz schien es, als würde sein Kopf nur ein wenig zur Seite gerissen, aber ohne, dass Franz Josef vorher einen Schrei hätte ausstoßen könne, schnellte die Scherbe heran und zerriss ihm im Vorbeifliegen alle erreichbaren Adern und Sehnen. Das Blut quoll in Fontänen aus der klaffenden Öffnung oberhalb des Kehlkopfes und klatschte auf das rotierende Holz. Ein kurzes Zucken, ein Fallen, mehr war es nicht. Um neun Uhr, dreizehn Stunden nach dem Erwachen, lag Franz Josef Brack im Wald, in einer Lache seines eigenen Blutes und lächelte.