Ein hysterisches Wort voller Penetranz hätte ich nun beinahe gegen den faschistischen Schutzwall um Heiligendamm geschmettert und wirklich, ja, ich hätte das Fass der Polemik angestochen und ein gutes Maß frisch gezapfter Wut in die Tastatur fließen lassen.
Aber zum Glück gibt es Innenminister, als Ventile unserer Angst lassen sie dem Druck des kollektiven Sicherheitswahn ein wenig die Luft ab und kümmern sich um Hunde, Zäune und die ganzen bösen Terroristen, die hier in diesen Ecken Berlins in ihren Wohnungen hocken und unablässig nur daran denken, wie man möglichst das ganze Land in die Steinzeit zurückbomben kann.

Ach so? Nur in die RAF-Zeit, richtig. Und die war bleiern und nicht steinern, richtig. Zum Glück weiß ich jetzt, dass es nötig ist. Nötig zu demonstrieren und nötig die gewaltbereiten wirksam von Dummheiten abzuhalten und besonders nötig, das was die guten Menschen von der Polizei und vom Innenministerium sagen auch zu glauben.


Drei Brandsätze nachts auf dicke, gut versicherte Luxusautos sind eine Bedrohung unserer Demokratie! Das stimmt sogar, denn die Demokratie ist wirklich in Gefahr, wenn es bundesweite Razzien, Geruchsprobenspeicherungen inkl darauf abgerichteter Hunde, den Vorwurf von höchster offizieller Stelle, die gesamte äußere Linke bilde eine terroristische Vereinigung im Sinne des § 129 a StGB[1], um hinterher offen zuzugeben, es gehe nur um Offenlegung von Strukturen und kilometertiefe Demonstrationsverbote gibt. Demokratie war nie vorhanden, wenn die acht größten Marktwirtschaften oder die Chefrepräsentanten von 15% der Weltbevölkerung sich anmaßen über das Überleben der Menschheit im Gesamten und von Millionen Menschen, die nie die Chance hatten, noch haben werden, ein Leben zu führen, das unserem Postulat von der Menschenwürde auch nur annähernd gerecht wird im Speziellen zu bestimmen.

Aber heute höre ich aus den Medien: Wir sollen ja demonstrieren! Wir sollen der Welt zeigen, dass es so nicht weitergeht, wir sollen die Meinung unserer Regierung auf die Straße tragen, sollen zeigen, welch friedliches Volk wir sind, entschlossen dem Gutmenschentum zu dienen, auch dort, wo es unbequem ist. Wir sind das alte Europa. Wir sind Frieden. Wir sind Zukunft. Wir sind Deutschland. Wir sind Klimaschutz!

Ein Herr Schäuble, der sich freut, wenn „sein Freund“ Geißler Attac beitritt und den die  Hysterie stört, nur weil man halt ein wenig vorbeuge, dass kein Rechtsbruch begangen werde, vergleicht letztlich vollkommen ungerechtfertigte Durchsuchungen in linken Strukturobjekten, mit den Vorbereitungen vor der Fußballweltmeisterschaft, die dann letztlich auch ein Sommermärchen geworden wäre. Heiligendamm als Fortsetzung des nationalen Freudentaumels einer Fußballweltmeisterschaft, das ist derart abartig, dass mein Magen für einige Minuten vergessen wollte, dass ich die Magen-Darm-Grippe doch seit gestern für überstanden erklärt hatte. Einen Berührungspunkt finde ich schon: beides, G8-Gipfel wie Weltmeisterschaften sind in ihrem Selbstverständnis nationalistisch, aber gerade noch subtil genug, dass eine bestimmte herrschende Meinung das nicht einmal erkennen will. Herr Schäuble scheint zu hoffen, dass die Protestbewegung ganz brav den moralischen Imperialismus der deutschen Regierung auf der Straße formuliert: die Vorzeigedemokratie in der noch demonstriert werden kann, die Demokratie, die auch weiß, wie man demonstriert, nämlich schön friedlich und ohne, dass jemand gestört wird, ein kritisches Volk mit Zukunftsbewusstsein, realistisch Sicherheit und Fortschritt verbindend, das Volk des Pazifismus, des ökologischen Bewusstseins, des globalen Bewusstseins. Oder ohne viele Worte: Einfach nur DAS Volk. Wir führen wieder. Unser Anspruch: Weltherrschaft, das kennen wir schon, aber wir haben verstanden wie man das heute macht: Die Herrschaft über die Moral.
Wir sind die Moral. Mir wird schlecht.