[ Kreuzberg
]
21 Mai, 2007 13:47
Nachbetrachtung zum 1.Mai in Kreuzberg von Krischan
Nun ist es schon zu lange her, um im klassischen Stil einen Demobericht oder eine Beschreibung der Ereignisse nachzureichen, daher möchte ich vielmehr ein paar Eindrücke schildern.
Die Demonstration, die nach meinem Verständnis des ersten Mais noch immer ein Kernstück dieses politischen Feiertags ist und sein sollte, fand um 18 Uhr in Kreuzberg statt. Die Demonstration? Eine Demonstration, aber eben diejenige, von der ich schreiben kann, weil ich dort war und diejenige, die sich selbst als revolutionär betitelt. Zuvor und im Anschluss befanden wir uns auf dem Myfest, jenem Straßenfest, das erklärtermaßen darauf zielt, dem Tag der Arbeit seine politische Ausrichtung zu nehmen und es einzugliedern in die Feste guter, westlicher Konsumtradition. Das Myfest ist aber geschickt veranstaltet, soll es doch diejenigen ansprechen, die sonst randalieren würden und muss genau gegenüber diesen immun sein. Also wird um den Konsum von Freizeitunterhaltung eine kleine politische Atmosphäre gespannt, indem die Programme schön rot leuchten und die Bands wohl alle, sofern sie denn überhaupt politisch sind, eher dem linken Spektrum angehört haben dürften. Netter Weise bot dadurch genau dieses Myfest letztlich eine wirklich schöne Kulisse für die Auseinandersetzungen, auf die beide Seiten so begierig gewartet hatten.
Ein kurzes hin und her im Gedränge zwischen den vielen Bühnen des Myfests und den unzähligen oft illegalen Bierangeboten, die schön unbehelligt ihre Flaschen unters Volk bringen durften: Schließlich macht ein erster Mai ohne Randale ja auch der Polizei keinen Spaß und wenn so viele Leute rumstehen und nüchtern sind, kommt kein Mensch auf die Idee irgendwas zu werfen. Daher war es eine ganz ausgezeichnete Idee, direkt am Ort des Geschehens, billig Bierflaschen verkaufen zu lassen. Der Vorteil liegt ja auf der Hand: Mensch bekommt Wurfgeschosse und wird gleichzeitig dazu ermuntert diese zu werfen, weil er zuvor den Alkohol zu sich hat nehmen dürfen. Dafür tut so eine Bierflasche unter einem netten Polizeihelm auch bestimmt nicht so doll weh (ok, kommt drauf an, wo man die dann jetzt genau und so…schon klar, schon klar), das darf hier behauptet werden, wurde nämlich schon ausprobiert (als derjenige UNTER dem Helm).
Dann endlich die Demo am Lausitzer Platz! Nein, erst noch irgendein „Terrorist“, der reden darf und doch tatsächlich die Dreistigkeit besitzt, darauf hinzuweisen, dass manch einem „Opfer“ der RAF die Anführungsstriche doch sehr gut zu Gesichte stehen. Man bemerke: an diesem Tag waren wir 10000 Demonstranten (bitte auf andere Zahlenangaben berufen, als auf meine) und es hat 1(!) Terrorist geredet, die Verhältnisse haben sich seither verändert…
Aber jetzt die Demo: erstmal auf die große Straße, genau, sonst ergibt eine Demonstration ja schließlich auch keinen Sinn und gleich in die nächste Seitenstraße…moment, das verstehe ich dann wieder schlechter. So zieht der Demonstrationszug durch kleinere und mittlere Straßen in Kreuzberg und so furchtbar viele schauen dann doch nicht aus den Fenstern, liegt vielleicht einfach daran, dass sie unten mitdemonstrieren. Die Musik ist leise, aber vorhanden, Sprechchöre sind den meisten zu peinlich und schon bald ist mein größtes Problem der Blasendruck. Spannend wird alles eigentlich erst auf der Oranienstraße, wo man sich durchs Myfest schlängelt und einen Engpass neben einer Bühne passieren soll. Oben aus dem Fenster hängt eine Israel-Fahne, unten gibt’s ein wenig Stunk, der Moment, an den ich mich am längsten noch erinnern werde: hab ihn schon fast vergessen.
Die Abschlusskundgebung gebe ich mir nicht mehr, da kann eigentlich nichts mehr kommen, was nicht letztlich lächerlich endet. Die Manöverkritik:
Ja, es waren einigermaßen viele Leute da.
Die Stimmung hatte aber eher was von Pflichterfüllung, revolutionärer als ne Gewerkschaftsdemo waren nur das Motto und die Texte der Redner/Innen.
Das Publikum geht natürlich nicht auf eine Gewerkschaftsdemo und ich würde schätzen, dass mir die meisten sogar sympathisch wären, wenn ich mich mit ihnen auseinandersetzen würde. Haben bestimmt auch alle tolle Ansichten. Nur eben: ICH weiß das, Wirkung hat das kollektive „wir-mögen-uns-und-die-anderen-nicht“ keine, auch wenn man vermeidet gefilmt zu werden.
Alternativvorschläge: Ich will die Demo nicht schlechter machen, als sie war: es waren einigermaßen viele Leute da und schon diese Zahl ist wichtig genug, dass die Demonstration ihre Berechtigung hat. Aber durchs eigene Viertel ziehen ist einfach witzlos! Das kann man mal machen, wenn man Angst vor Stress haben muss und vor Ort zum Beispiel spontan aktiv werden sollte. Aber bei einer Demo, deren Teilnehmerzahl durch überlokale Medien geistern wird, sollte man doch auch ein nettes Bild an einer wichtigen Stelle abgeben und davon gibt es in Berlin glücklicherweise einige. Die Demo war angemeldet und auch, wenn es andere Selbstdarstellungen geben mag, es war von vornherein klar, dass sie friedlich bis zur Auflösung sein würde. Außerdem gibt’s noch was: „Demos Gegen alles Schlechte und Für alles Gute“ sind auf die Dauer ein wenig fade. Natürlich gibt es einen bestimmten Kanon an Dingen für oder gegen die man kollektiv einstehen wird, allesamt wie man dort steht, aber eine griffige und konkrete Aussage, auf die man sich beschränkt ist einfach wirkungsvoller. Der 1.Mai hat das Problem, dass jeder weiß, was die revolutionären Kräfte an diesem Tag fordern werden und genau daraus ergibt sich dann, dass alles andere, außer der Teilnehmerzahl vollkommen egal wird. Aber die Tradition zum 1.Mai auf die Straße zu gehen sollte kein Selbstzweck sein und der Tag wieder mehr mit Inhalt und weniger mit hohlen Phrasen und Bier gefüllt werden.
Die gibt’s nämlich auf dem Myfest. Auch noch später am Abend nach der Demo. Viel Polizei, aber keine echten Hindernisse. Zwei Bühnen: am Anfang und am Ende eines Straßenabschnittes der Oranienstraße, davor jeweils tanzende Menschen, die hintersten gehen nahtlos in jene über, die ab und zu eine Flasche gelehrt haben und die in Richtung der Polizei „entsorgen“. Die ist auch da, lässt sich von interessierten (auch mit ihnen zusammen) ablichten und versprüht auch bereitwillig genau mal so ungenau Pfefferspray, dass jeder mal das echte Kreuzberger 1.Mai-Feeling ahnen darf, ohne wirklich zu wissen, was passiert, wenns einen direkt erwischt. Kleine Grüppchen mit jeweils 12- 15 Beamten laufen in der Mitte immer mal hin und her, drehen sich dann mal kollektiv ALLE um, damit sich auch schön hinter ihnen wer ermutigt fühlen darf, „unbeobachtet“ seine Flaschen zu werfen. Das ganze ist für eine Menge Leute großes Kino, die am Rand stehen. Die Oranienstraße ist glücklicherweise eng genug, dass es nicht so bequem wird, wie im Kino, wie gesagt: das Feeling soll ja echt sein. Zwischendurch darf dann auch die Polizei mal. Zu zwölft los, einfangen, abführen. So haben alle ihren Spaß. Nur mit Politik hat das nichts zu tun. Von Ritualen wird hinterher die Rede sein: ich denke, es hat den meisten einfach Spaß gemacht. Verstehen kann ich das alles nicht. Mein 1.Mai war trotzdem amüsant: hat das Myfest über mich gesiegt?
Die Demonstration, die nach meinem Verständnis des ersten Mais noch immer ein Kernstück dieses politischen Feiertags ist und sein sollte, fand um 18 Uhr in Kreuzberg statt. Die Demonstration? Eine Demonstration, aber eben diejenige, von der ich schreiben kann, weil ich dort war und diejenige, die sich selbst als revolutionär betitelt. Zuvor und im Anschluss befanden wir uns auf dem Myfest, jenem Straßenfest, das erklärtermaßen darauf zielt, dem Tag der Arbeit seine politische Ausrichtung zu nehmen und es einzugliedern in die Feste guter, westlicher Konsumtradition. Das Myfest ist aber geschickt veranstaltet, soll es doch diejenigen ansprechen, die sonst randalieren würden und muss genau gegenüber diesen immun sein. Also wird um den Konsum von Freizeitunterhaltung eine kleine politische Atmosphäre gespannt, indem die Programme schön rot leuchten und die Bands wohl alle, sofern sie denn überhaupt politisch sind, eher dem linken Spektrum angehört haben dürften. Netter Weise bot dadurch genau dieses Myfest letztlich eine wirklich schöne Kulisse für die Auseinandersetzungen, auf die beide Seiten so begierig gewartet hatten.
Ein kurzes hin und her im Gedränge zwischen den vielen Bühnen des Myfests und den unzähligen oft illegalen Bierangeboten, die schön unbehelligt ihre Flaschen unters Volk bringen durften: Schließlich macht ein erster Mai ohne Randale ja auch der Polizei keinen Spaß und wenn so viele Leute rumstehen und nüchtern sind, kommt kein Mensch auf die Idee irgendwas zu werfen. Daher war es eine ganz ausgezeichnete Idee, direkt am Ort des Geschehens, billig Bierflaschen verkaufen zu lassen. Der Vorteil liegt ja auf der Hand: Mensch bekommt Wurfgeschosse und wird gleichzeitig dazu ermuntert diese zu werfen, weil er zuvor den Alkohol zu sich hat nehmen dürfen. Dafür tut so eine Bierflasche unter einem netten Polizeihelm auch bestimmt nicht so doll weh (ok, kommt drauf an, wo man die dann jetzt genau und so…schon klar, schon klar), das darf hier behauptet werden, wurde nämlich schon ausprobiert (als derjenige UNTER dem Helm).
Dann endlich die Demo am Lausitzer Platz! Nein, erst noch irgendein „Terrorist“, der reden darf und doch tatsächlich die Dreistigkeit besitzt, darauf hinzuweisen, dass manch einem „Opfer“ der RAF die Anführungsstriche doch sehr gut zu Gesichte stehen. Man bemerke: an diesem Tag waren wir 10000 Demonstranten (bitte auf andere Zahlenangaben berufen, als auf meine) und es hat 1(!) Terrorist geredet, die Verhältnisse haben sich seither verändert…
Aber jetzt die Demo: erstmal auf die große Straße, genau, sonst ergibt eine Demonstration ja schließlich auch keinen Sinn und gleich in die nächste Seitenstraße…moment, das verstehe ich dann wieder schlechter. So zieht der Demonstrationszug durch kleinere und mittlere Straßen in Kreuzberg und so furchtbar viele schauen dann doch nicht aus den Fenstern, liegt vielleicht einfach daran, dass sie unten mitdemonstrieren. Die Musik ist leise, aber vorhanden, Sprechchöre sind den meisten zu peinlich und schon bald ist mein größtes Problem der Blasendruck. Spannend wird alles eigentlich erst auf der Oranienstraße, wo man sich durchs Myfest schlängelt und einen Engpass neben einer Bühne passieren soll. Oben aus dem Fenster hängt eine Israel-Fahne, unten gibt’s ein wenig Stunk, der Moment, an den ich mich am längsten noch erinnern werde: hab ihn schon fast vergessen.
Die Abschlusskundgebung gebe ich mir nicht mehr, da kann eigentlich nichts mehr kommen, was nicht letztlich lächerlich endet. Die Manöverkritik:
Ja, es waren einigermaßen viele Leute da.
Die Stimmung hatte aber eher was von Pflichterfüllung, revolutionärer als ne Gewerkschaftsdemo waren nur das Motto und die Texte der Redner/Innen.
Das Publikum geht natürlich nicht auf eine Gewerkschaftsdemo und ich würde schätzen, dass mir die meisten sogar sympathisch wären, wenn ich mich mit ihnen auseinandersetzen würde. Haben bestimmt auch alle tolle Ansichten. Nur eben: ICH weiß das, Wirkung hat das kollektive „wir-mögen-uns-und-die-anderen-nicht“ keine, auch wenn man vermeidet gefilmt zu werden.
Alternativvorschläge: Ich will die Demo nicht schlechter machen, als sie war: es waren einigermaßen viele Leute da und schon diese Zahl ist wichtig genug, dass die Demonstration ihre Berechtigung hat. Aber durchs eigene Viertel ziehen ist einfach witzlos! Das kann man mal machen, wenn man Angst vor Stress haben muss und vor Ort zum Beispiel spontan aktiv werden sollte. Aber bei einer Demo, deren Teilnehmerzahl durch überlokale Medien geistern wird, sollte man doch auch ein nettes Bild an einer wichtigen Stelle abgeben und davon gibt es in Berlin glücklicherweise einige. Die Demo war angemeldet und auch, wenn es andere Selbstdarstellungen geben mag, es war von vornherein klar, dass sie friedlich bis zur Auflösung sein würde. Außerdem gibt’s noch was: „Demos Gegen alles Schlechte und Für alles Gute“ sind auf die Dauer ein wenig fade. Natürlich gibt es einen bestimmten Kanon an Dingen für oder gegen die man kollektiv einstehen wird, allesamt wie man dort steht, aber eine griffige und konkrete Aussage, auf die man sich beschränkt ist einfach wirkungsvoller. Der 1.Mai hat das Problem, dass jeder weiß, was die revolutionären Kräfte an diesem Tag fordern werden und genau daraus ergibt sich dann, dass alles andere, außer der Teilnehmerzahl vollkommen egal wird. Aber die Tradition zum 1.Mai auf die Straße zu gehen sollte kein Selbstzweck sein und der Tag wieder mehr mit Inhalt und weniger mit hohlen Phrasen und Bier gefüllt werden.
Die gibt’s nämlich auf dem Myfest. Auch noch später am Abend nach der Demo. Viel Polizei, aber keine echten Hindernisse. Zwei Bühnen: am Anfang und am Ende eines Straßenabschnittes der Oranienstraße, davor jeweils tanzende Menschen, die hintersten gehen nahtlos in jene über, die ab und zu eine Flasche gelehrt haben und die in Richtung der Polizei „entsorgen“. Die ist auch da, lässt sich von interessierten (auch mit ihnen zusammen) ablichten und versprüht auch bereitwillig genau mal so ungenau Pfefferspray, dass jeder mal das echte Kreuzberger 1.Mai-Feeling ahnen darf, ohne wirklich zu wissen, was passiert, wenns einen direkt erwischt. Kleine Grüppchen mit jeweils 12- 15 Beamten laufen in der Mitte immer mal hin und her, drehen sich dann mal kollektiv ALLE um, damit sich auch schön hinter ihnen wer ermutigt fühlen darf, „unbeobachtet“ seine Flaschen zu werfen. Das ganze ist für eine Menge Leute großes Kino, die am Rand stehen. Die Oranienstraße ist glücklicherweise eng genug, dass es nicht so bequem wird, wie im Kino, wie gesagt: das Feeling soll ja echt sein. Zwischendurch darf dann auch die Polizei mal. Zu zwölft los, einfangen, abführen. So haben alle ihren Spaß. Nur mit Politik hat das nichts zu tun. Von Ritualen wird hinterher die Rede sein: ich denke, es hat den meisten einfach Spaß gemacht. Verstehen kann ich das alles nicht. Mein 1.Mai war trotzdem amüsant: hat das Myfest über mich gesiegt?
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3 Comments on "Nachbetrachtung zum 1.Mai in Kreuzberg"
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01/06/2007, 10:26
Guter Text mein Bester.
05/06/2007, 16:59
aus Hamburg.
Schließe mich meiner Vorrednerin an.
08/06/2007, 01:13
Dr.Best sagt: Gute Worte, engagiert gewürzt.